Kean Ou Désordre Et Génie - Volksbühne Berlin
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Edmund Kean & Die Hamletmaschine: Nach einem Text von Alexandre Dumas dem Älteren, in der Bearbeitung von Lothar Trolle
Er scheute keine Schlägerei, Brandy trank er literweise und nicht weniger als drei Frauen sollten sich stets in der Garderobe zu seiner "seelischen Stabilisierung" bereithalten: Edmund Kean, ein Trunkenbold und Womanizer und fraglos der genialste Shakespearedarsteller Englands um 1800! Nicht er spielte den Hamlet oder Othello, nein, die Rolle spielte ihn! Das Publikum dankte es ihm durch Jubel und Verehrung. Als Spiegel seiner Möglichkeiten zeugte schliesslich das mit der industriellen Revolution entstandene Bürgertum einen spezifischen Starkult, der heute im Pop seine Apotheose und in den Starsuchshows seine Simulation findet. Kean war dabei einer der ersten Mediensuperstars - von den Zeitungen gefeiert und gehasst, in jedem seiner privaten Exzesse und in jeder seiner Liebschaften verfolgt und beobachtet. Vom Publikum und der Presse vereinnahmt konnte er jedoch der Upperclass, für die er spielte, nie gleich werden. Denn Kean war ein Kind der Armen, der Schattenseite der Industrialisierung.
In den Armenvierteln gründete er mit seinen Kumpanen - Gauklern und Wanderschauspielern - den "Wolfsklub", den Prototyp der revolutionären Zelle. Den "Adel zu hassen" und alle sozialen Schranken einzureissen, schrieben sich die "Wölfe" auf ihre Fahnen und stampften es auf die Kneipentische Londons. Der zwischen den Klassen zerrissene Kean, der Schauspieler, der seine Rolle und das "wahre Sein" auf der sozialen Bühne mit exzessiver Intensität suchte, wird von Frank Castorf nun in der Volksbühne wiederentdeckt.
Die Erfahrungen der Künstleravantgarden und Revoluzzer-Popstars des 20. Jahrhunderts, ihr Versuch, mit der Kunst revolutionär in den Alltag einzudringen, bilden die Folie der Inszenierung und verbinden unsere Gegenwart mit der Zeit von Edmund Kean, der er weit voraus war.
Mit: Luise Berndt, Steve Binetti, Andreas Frakowiak, Georg Friedrich, Irina Kastrinidis, Michael Klobe, Inka Löwendorf, Silvia Rieger, Jorres Risse, Mandy Rudski, Alexander Scheer, Jeanette Spassova und Axel Wandtke
Regie: Frank Castorf
Bühne: Hartmut Meyer
"Eine Viertelstunde nach Mitternacht ist der neue Castorf dann wirklich noch zu Ende gegangen. Nach viereinhalb Stunden fand unser Mann vom Luxemburgplatz, der ja nie Schluss machen kann, einen Endpunkt. Er nahm einfach den letzten Satz des ,Kean' (1836) von Alexandre Dumas, etwas mit Genie und Leidenschaft, und liess ihn von seinem ziemlich phänomenalen Hauptdarsteller Alexander Scheer aufsagen. Der Applaus danach war vor allem: erschöpft - und ein wenig erleichtert.
Wie auch anders, schliesslich war wieder allerhand los gewesen auf der Bühne". (nachtkritik.de)
"Wer ist der Künstler im Regietheater, das hier wenigstens drei von fünf Stunden endlich mal wieder ausgelassen und mit Esprit über die Volksbühne tobt? ,Ich bin ein König', erklärt Kean einmal, ,aber in meinem Königreich kann ich nicht bleiben, wenn sie Buh rufen, muss ich verschwinden.'
Da ahnt man, dass Castorf, der Sohn des Eisenhändlers und gebeutelter King vom Rosa-Luxemburg-Platz, hier doch nur sein eigenes Künstlerdrama und -trauma verhandelt: mit allen Eitel- und Parteilichkeiten, Minderwertigkeitsgefühlen und Überlegenheitsansprüchen, die dieser Job nun mal so mit sich bringt. Davon erzählt dieser Abend ausschweifend und wild." (Frankfurter Rundschau)
Aufführung in: Berlin
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