Schauspiel & Theater Münster
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Der Eingebildete Kranke - Städtische Bühnen Münster
Familienoberhaupt Argan ist krank. Zumindest hält er sich dafür und beschäftigt gleich zwei Ärzte und einen Apotheker, die ihm regelmässig Diagnosen stellen und ihre Mittel verabreichen. Die hohen Rechnungen sind Argan allerdings ein Dorn im Auge. Linderung seiner Leiden und optimale medizinische Bertreuung verspricht er sich von der Heirat seiner Tochter Angélique mit dem Sohn eines seiner Ärzte, dem wenig anziehenden Thomas Diaforus, der ebenfalls Mediziner ist. Von diesem Plan hält Angélique nicht viel, zumal sie in den schönen Cléante verliebt ist, der sich in Argans Haus, als Musiklehrer getarnt, zum Stelldichein mit seiner Angebeteten einschleicht. Mit aufbrausendem Temperament ist es Argan gewohnt, seinen Willen durchzusetzen. Doch Toinette, eine Hausangestellte, greift listig in das Geschehen ein.
Damit sind die Voraussetzungen für eine hervorragende Komödie gegeben, die aber auch deutlich mehr zu bieten hat als "nur" meisterhaft verknüpfte Handlungsstränge und Verwicklungen. Molière spielt virtuos mit verschiedenen Themen. Eines davon ist: Es ist nicht unbedingt entscheidend, wie die Dinge wirklich sind, sondern wie wir uns unsere Wirklichkeiten und Ansichten im eigenen Kopf zurechtlegen. So wird schnell deutlich, dass die eigentliche Krankheit Argans die Hypochondrie ist: Seine Krankheit besteht in der Einbildung, krank zu sein. Auch hinsichtlich seiner festen Überzeugung, dass für seine zweite Frau Béline nur die Liebe zählt, hält der Verlauf der Ereignisse eine gehörige Überraschung für Argan bereit. Ausserdem verarbeitet Molière mit komödiantischem Geschick unterschiedliche medizinische Ansichten seiner Zeit und zeigt, wie sehr auch auf diesem Gebiet die jeweilige Überzeugung die Behandlung bestimmt. Nicht nur mit diesem Aspekt landet Molières Komödie zielsicher in unserer Gegenwart.
Molière entwirft - hier zeigt sich die Stärke des Autors, pointierte Charaktere zu zeichnen - ein bestechendes Psychogramm Argans eine grosse Auseinandersetzung mit der Einsamkeit und der Endlichkeit des Menschen. Wobei interessanter Weise das Motiv des Todes bzw. des vorgetäuschten Todes auch der Wahrheitsfindung dient. Nicht zuletzt ein Blick in die Biografie des Autors lässt den Tod als Thema ins Blickfeld rücken. Molière (mit bürgerlichen Namen Jean-Baptiste Poquelin) trat selber in den Hauptrollen seiner Stücke auf, die er seit 1658 am französischen Hof Ludwigs XIV. aufführte. Nach der vierten Aufführung als "eingebildete Kranker" Argan verstarb der grosse Theatermann. "Grosser Theatermann" ist bei Molière alles andere als eine Übertreibung oder ein leichthin angehängtes Attribut. Die kontinuierlichen Aufführungen seiner Stücke seit ihrer Entstehungszeit verweisen auf eine überzeitliche Qualität seiner Stoffe und Theatertexte.
Regie: Markus Kopf
Details zu: Der Eingebildete Kranke - Städtische Bühnen Münster in Münster
Aufführung in: Münster
Twillinge - Städtische Bühnen Münster
Das Zwillings-Motiv ist keine Erfindung des Autors Anton Aulke; der lateinische Komödiendichter Plautus hat es mit sensationellem Erfolg in seinen "Menaechmi" verwendet, und Erich Kästner ist mit seinem Werk "Das doppelte Lottchen" gewiss nicht der letzte Autor gewesen, der diese phantastische Laune der Natur dazu nutzt, sein Publikum zu erfreuen, zu unterhalten und ihm Gelegenheit zum Nachdenken zu bieten. "Twillinge" steht also in einer langen literarischen Tradition. Unsere Zwillinge sind der unter dem Kommando seiner Frau Fina stehende preussische Dorfpolizist Fritz und sein Zwillingsbruder Amadeus, berufs- und arbeitslos, weit in der Welt herumgekommen, in Scheunen oder im Freien übernachtend, den es nach sehr langer Zeit wieder zu seinem Bruder zieht. Der indes muss ihn als Nichtsesshaften festnehmen. Auf dem Weg ins Arrestlokal werden Fritz und Amadeus Zeugen, wie Mariechen, Tochter des Amtmanns, und Henrich, der junge Dorfschmied, die grossen Probleme ihrer jungen Liebe besprechen: Der Herr Amtmann hat sich bereits einen Schwiegersohn ausgesucht, einen Juristen aus der Stadt; und Mariechen weiss nun nicht weiter. Amadeus beschliesst bei sich, hier ein wenig Vorsehung zu spielen. Im Spritzenhaus gelingt es ihm, Fritz mittels einer Flasche Doppelkorn ausser Gefecht zu setzen. Dann bringt er sich in den Besitz der Sonntagsuniform des Dorfpolizisten und wirbelt das ganze Dorf mit Amtmann, Amtsschreiber, Lehrer, Weissnäherin, Wirtin, Bauern und Handwerkern, Tratschtanten sowie einem hochdeutsch sprechenden Baron ordentlich durcheinander.
Ein (fast) märchenhaftes, vergnügliches Spiel aus der (oft vielleicht gar nicht so) guten alten Zeit.
Regie: Hannes Demming
Bühne: Kerstin Bayer
Details zu: Twillinge - Städtische Bühnen Münster in Münster
Aufführung in: Münster
Nora Oder ein Puppenheim - Städtische Bühnen Münster
Nora ist seit acht Jahren mit Torvald Helmer verheiratet. Sie leben gemeinsam mit ihren drei Kindern und einem Kindermädchen in einer grossen Wohnung. Die Ehe funktioniert; denn Nora weiss, welche Erwartungen sie erfüllen soll, und erfüllt sie gern. Torvald nennt sie sein Vögelchen, seine kleine Zwitscherlerche, sein Leckermäulchen, und Nora weiss, dass er ihren bittenden Worten kaum widerstehen kann. Die bevorstehende Beförderung Torvalds zum Direktor der Aktienbank lässt Nora sich leicht und glücklich fühlen, wie sie ihrer Freundin Kristine überschwänglich erzählt, denn: "Ist es nicht herrlich, ganz viel Geld zu haben und sich keine Sorgen machen zu müssen?". Nora ist stolz; denn sie hat den Grundstein dieses Glückes gelegt, als sie aus Liebe mit einer gefälschten Unterschrift ein Darlehen bei Rechtsanwalt Krogstad aufgenommen hat, um einen Italienaufenthalt zu finanzieren, der Torvald das Leben rettete. Torvald glaubt, dass Noras Vater die Reise finanziert hat. Krogstad, von Noras Mann wegen Betruges gekündigt, entdeckt die Unrechtmässigkeit und erpresst Nora. Sie ist verzweifelt und sieht sich einem Rechtssystem ausgesetzt, das ihren Vorstellungen von Recht und Unrecht absolut widerspricht. Als Torvald davon erfährt, ist nur eines wichtig: Der Schein muss gewahrt sein, es darf keinen dunklen Fleck an der reinen Fassade geben. Nora wird mit Vorwürfen überhäuft. Sie muss sich eingestehen, dass die Liebe, an die sie einst glaubte, keine Rolle mehr spielt und dass sie in einem goldenen Käfig gelebt hat. Ihr Leben hat mit der Realität nichts zu tun, und aus Nora bricht eine Sehnsucht hervor, eine Sehnsucht nach Wirklichkeit und Wahrhaftigkeit, die ihr Kraft gibt. Und sie formuliert selbstbewusst ihren Willen und fordert Gleichberechtigung, Anerkennung und einen Dialog auf Augenhöhe. Noras Erkenntnis, allein zu sein, sowie der Zerfall ihres kleinen, intakten Weltbildes bewirken, dass sie sich aufrichtet und ohne Rücksicht auf sich selbst und andere ihren eigenen Weg sucht.
Henrik Ibsen erreichte mit "Ein Puppenheim" (1879) seinen ersten internationalen Erfolg. Er verarbeitet darin Themen wie das Verhältnis von Liebe und Ehe, die Emanzipation der Frau und die Lebenslüge der Gesellschaft, Themen, die auch spätere realistische Gesellschaftsdramen von ihm bestimmten: "Gespenster" (1881), "Ein Volksfeind" (1882), "Die Wildente" (1884), "Rosmersholm" (1886), die den Autor weltberühmt und zum meistgespielten Dramatiker seiner Zeit machten.
Regie: Ralf Ebeling
Bühne und Kostüme: Jeremias Vondrlik
Details zu: Nora Oder ein Puppenheim - Städtische Bühnen Münster in Münster
Aufführung in: Münster
Die Stühle - Städtische Bühnen Münster
"Nein, ich spreche nicht selber heute abend. Ich habe einen Berufsredner bestellt, er spricht in meinem Namen. Du wirst schon sehen." Ein altes Ehepaar bereitet einen grossen Abend vor. Es gilt eine Botschaft zu verkünden - offensichtlich, in den Augen des Paares, das Vermächtnis des Mannes an die Nachwelt. Der eigenen Redekunst misstrauend, engagieren die beiden einen professionellen Redner, dessen Kommen erwartet wird. Eine illustre Gesellschaft findet sich ein, um die Botschaft zu hören. Doch die Gäste bleiben unsichtbar. Aber die beiden Alten verhalten sich, als wären sie da - bitten sie herein, platzieren sie auf Stühlen, mit denen sie den Raum immer mehr voll stellen, und sprechen mit ihnen über das anstehende Ereignis. Selbst der Kaiser trifft ein. Der grosse Augenblick scheint nah. Wird der Redner nach langem Warten tatsächlich auftauchen? Wird seine Mitteilung wirklich so umwerfend und bahnbrechend sein? Kann es die erlösende Botschaft geben? Werden die Alten am Ziel ihrer Wünsche, ihrer Träume und ihres Lebens anlangen?
Eugène Ionesco hat 1952 mit "Die Stühle" eines der bekanntesten Stücke des Absurden Theaters geschaffen. In der kleinen Form und stilistischen Reduktion forschen die Texte nach Möglichkeiten, die Welt zu verstehen, und nach der Position des Menschen in ihr. Sie fragen nach der Notwendigkeit, einen Sinn im Leben zu sehen oder diesen zu suchen. So werden nicht nur die Erkenntnismöglichkeiten des Menschen beleuchtet, sondern auch das Leben zwischen Illusion und Realität sowie die Chancen von Utopien. Weitere Hauptstücke des Absurden Theaters schrieb Ionesco mit "Die kahle Sängerin" (1950) und "Die Nashörner" (1959). In seinem Theaterwerk benutzt er die Mittel der Groteske und der Farce, um auf grundsätzliche Strukturen und Ungereimtheiten (die Absurdität) des menschlichen Daseins hinzuweisen. Ionescos grosse Skepsis gegenüber der Sprache wird deutlich, da er seine Figuren häufig in mechanischen, sinnlosen Floskeln miteinander reden lässt. Die Sprache wird zum Gegenstand von Ritualen, die einen wichtigen Platz auch im Leben des alten Paares in "Die Stühle" ausmachen. Faszinierend, wie Ionesco auf diese radikale Weise die Grundlage für ein absolutes und sinnliches Theatererlebnis schafft, das unterhält und sehr nachdenklich machen kann.
Es scheint paradox, aber dem Autor gelingt es, mit seiner Theaterform, die zu Recht immer wieder als Anti-Theater bezeichnet wird, ein vollständiges Theaterereignis zu kreieren. Mit einer anscheinenden Verweigerung des Theaters steuert Ionesco auf einem Kernziel aller Absichten zu, die das Theater haben kann, nämlich plastisch und treffend Aussagen und Fragen zur menschlichen Existenz vorzustellen.
Regie: Dorothea Paschen
Bühne und Kostüme: Kerstin Bayer
Details zu: Die Stühle - Städtische Bühnen Münster in Münster
Aufführung in: Münster